LebensKÜNSTLER im Norden

LebenskünstlerMonika Käning, delüx

Carmen Blazejewski und Andreas Höntsch  

Ein ungemütlicher Tag, feucht und trübe. Ein Blick aus dem Fenster des Hauses zeigt eine Endmoränen-Landschaft. Das Haus liegt fast einsam in dem kleinen Dorf Neu Nantrow, nahe bei Wismar. Wenn im Frühling im Garten die Obstbäume und Blumen blühen, sieht alles viel freundlicher aus. Carmen Blazejewski und Andreas Höntsch wohnen hier im Norden seit fast 20 Jahren mit ihren beiden Töchtern. Der Start war nicht einfach, denn das verlassene Haus und der Hof machten damals einen heruntergekommen und verwilderten Eindruck. Ein hartes Stück Arbeit für die ganze Familie bis es wohnlich wurde. Künstler müssen auch Lebenskünstler sein, sich ein Umfeld schaffen, in dem sie schöpferisch tätig sein können, haben sie wohl damals gedacht.

Film- und Fernsehregisseur Andreas Höntsch

Andreas Höntsch wurde 1957 in Berlin geboren und wuchs in Dresden auf. An der Hochschule für Film- und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg studierte er bis 1984 und schloss als Diplom-Film- und Fernsehregisseur ab. Nach seinem Studium arbeitete er als Regieassistent an der Semperoper Dresden und später im DEFA-Studio an verschiedenen Kino- und Fernsehproduktionen.

Theaterwissenschaftlerin Carmen Blazejewski

Carmen Blazejewski, 1954 in Grimma bei Leipzig geboren, wuchs in Colditz auf und beendete ihr Studium an der Leipziger Theaterhochschule Hans Otto als Diplomtheaterwissenschaftlerin. Bis 1978 arbeitete sie an der Volksbühne am Luxemburgplatz in Berlin als Dramaturgin. „Benno Besson war damals Intendant und hat uns als Schweizer Kommunist in der DDR ungewöhnliche künstlerische Freiräume ermöglichen können. Großartige Regisseure wie Fritz Marquardt und Karge/Langhoff sowie Heiner Müller haben mich dort geprägt“, erinnert sie sich. Dann wechselte sie als Dramaturgin und Autorin ins DEFA-Studio für Spielfilme nach Babelsberg und lernte ihren Mann Andreas Höntsch kennen.

Ihr gemeinsames Leben

1986 wurde die erste gemeinsame Tochter geboren. Seitdem ist Carmen Blazejewski freie Autorin und Dramaturgin und aus ihrer Feder stammen Bücher für Kinder und Erwachsene, Drehbücher, Hörspiele und Theaterstücke wie auch Filmdramaturgien. Dafür erhielt Carmen Blazejewski einige Auszeichnungen, zuletzt 2002 den ersten Jugendbuchpreis der Stadt Segeberg. An der Idee, Kinderbücher zu schreiben, sind natürlich auch die beiden Töchter beteiligt. Ihr erst 2011 erschienener Roman „Windhaus“ dreht sich um eine junge Frau in einem Dorf in Mecklenburg, das sich durch eine Vielzahl spannender Erzählstränge modellhaft zum Zentrum der Welt entwickelt.

Gemeinsame künstlerische Arbeit

Andreas Höntsch und Carmen Blazejewski begannen ihren gemeinsamen Weg als Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Insbesondere bei ihren Filmen ist das intensive Zusammenwirken nachvollziehbar. Auf der Seite der DEFA-Stiftung steht über ihn folgendes: „Andreas Höntsch gehörte zur letzten Generation von DEFA-Regisseuren, die bei der Produktion ihres Debütfilms von den Verantwortlichen der Studioleitung immer wieder vertröstet worden sind. Mehrere Jahre investierte er seine Kreativität in ein musikalisches Filmprojekt, das nicht fertig gestellt wurde.“ Er war noch bis 1990 künstlerischer Mitarbeiter der DEFA und wurde dann, als die DEFA abgewickelt wurde, entlassen. Erst nach 1989 erhielt der Regisseur die Chance, seinen ersten Film „Der Strass“ (1990) zu drehen, ein interessantes filmisches Thema aus der Umbruchzeit. Dieser Film wurde zur Hälfte mit Ostmark und zur anderen Hälfte mit Westmark bezahlt, denn genau zur Wende begann der erste Drehtag. 1991 erhielt er den Publikumspreis beim Max-Ophüls.Festival in Saarbrücken. Mit Leidenschaft und Idealismus mussten sie von Anfang an Schwierigkeiten überwinden. Seine Frau meint, dass sie ein ideales Team wären, weil sie sich in allen Fragen ergänzen können und trotzdem jeder seine Freiheit hat. Der zweite Spielfilm „Die Vergebung“ wurde über weite Strecken in Mecklenburg-Vorpommern gedreht und beide Künstler waren zu dem Zeitpunkt schon dabei, sich auf den Weg nach Norden zu machen und hierher umzuziehen. Die Filmfördermöglichkeiten in Mecklenburg-Vorpommern zwangen sie zur Konzentration auf Dokumentarfilme. „Baumnarren“, „Traumfänger“ und „Kleines Stück vom Schicksal“, der im Mai seine Mecklenburg-Premiere haben wird, widmen sich wichtigen Themen, mit denen sich beide intensiv auseinandersetzten: Das sind der sensible Umgang mit der Natur und das sinnerfüllte Zusammenleben der Menschen. Immer ging es ihnen darum, Verbündete bei der Arbeit für diese Anliegen zu finden. Dafür bot der Mecklenburg-Vorpommern-Film e.V. von Beginn an wesentliche Unterstützung. „Ohne das Filmbüro in Wismar und das engagierte Team mit seiner Geschäftsführerin Sabine Matthiesen an der Spitze wären viele Filme auch anderer Filmemacher niemals entstanden“, ist Carmen Blazejewski überzeugt.
In diesem Jahr finden Dreharbeiten der beiden Künstler nicht nur in Mecklenburg, sondern auch in Patagonien und Feuerland statt. Ihr Film begibt sich auf die Spuren von Gunther Plüschow, einem deutschen Expeditionsforscher und Flugpionier, der in Chile und Argentinien als Nationalheld verehrt wird, in seiner Heimat Mecklenburg aber kaum Beachtung findet.

Ihr Zuhause mit vielen Bäumen und Tieren

Im Zimmer ihres Hauses ist es warm geworden und Carmen Blazejewski entledigt sich der warmen Jacke und einer dicken Weste. Es kommt eine grazile Frau zum Vorschein, die mit ihren langen krausen Haaren recht jugendlich wirkt. Neben ihrer schöpferischen Arbeit und den Tätigkeiten im Haus und Garten sammelt sie Kräuter und bereitet verschiedene Tees für jeden Geschmack zu. Die Familie liebt Tiere und hier ist Platz und die Möglichkeit zwei Pferde, Schafe, einen großen Hund und zwei Katzen wie auch Meerschweinchen zu halten. Wenn es die Zeit erlaubt, spielt sie auch Klavier. „Als wir in das Haus einzogen, wollten wir vieles aus eigener Kraft mit eigenen Händen bewerkstelligen, sogar einen eigenen Brunnen bauen. Es waren viele Hürden zu nehmen. Mit zwei Schafen bist du im Verein der Tierzüchter ebenso wie der Niederländer mit seinen 10.000 Tieren“, deutet Andreas Höntsch die Probleme an. Sie haben Obstbäume mit Äpfeln, Birnen, Pflaumen, Kirschen und natürlich ein großes Kräuterbeet. Auch Rosen verschönern das Anwesen und wachsen gut. Immer wieder sind sie von der oft noch unberührten Natur in Mecklenburg begeistert. Zu den schönsten Stunden gehören die Ausritte. Manchmal sind sie 14 Tage lang unterwegs und alles, was sie brauchen, passt in die Satteltaschen. Das wunderbare Gefühl, plötzlich viel Zeit zu haben und frei von Pflichten zu sein, möchten sie auch anderen Menschen ermöglichen. Andreas Höntsch führt Wanderritte, seine Frau bringt ihre Entdeckungen in verschiedene Schreibkurse mit Kindern und Erwachsenen ein. Gerade für das therapeutische Schreiben hat sie neue Ideen gefunden. Andreas Höntsch vermittelt sein Fachwissen an Jugendliche weiter – als Dozent für Filmgestaltung an der da!Design-Akademie in Rostock und in der Medienwerkstatt des Filmbüros in Wismar. Das Ziel Beider dabei ist, Kreativität zu wecken und Wege zu zeigen, wie sie künstlerisch umgesetzt werden kann.

Text und Foto: Monika Käning, „LebensKÜNSTLER im Norden“,delüx, 2012