Hauptsache, du bist meine Freundin

 

Hauptsache, du bist meine FreundinAls die Mauer in Berlin gebaut wurde, waren die Eltern oder gar Großeltern noch Kinder.
Es ist meistens schwer, sich die Eltern und Großeltern als Kinder vorzustellen. Noch schwerer ist es aber, sich vorzustellen, dass mitten durch eine Stadt eine Mauer gezogen wird. Wie war das möglich? Wieso ließen sich die Leute das gefallen? Was haben die Kinder dazu gesagt?
Das Buch erzählt von einer Kinder-Gang, die in der Bernauer Straße ihre Abenteuer erlebt. Als die Bernauer Straße geteilt wird, wollen sie sich nicht damit abfinden. Schließlich flog 1961auch das erste bemannte Raumschiff zum Mond! Da muss es doch Möglichkeiten geben, die Mauer zu überwinden!

Oetinger Verlag, Hamburg 1999,
Ill. v. Michael Ruppel, 158 S.
ISBN3-7891-3130-x
Fester Einband
EUR 12,00

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Rezension/Lesermeinungen

Die Schriftstellerin aus der Gegend bei Wismar hätte es sich leichter machen können. Da sind zwei Freundinnen, die Tür an Tür in der Bernauer Straße in Berlin wohnen und vom Bau der Mauer überrascht und getrennt werden. Zweifellos eine spannende Geschichte, um noch einmal Anklage zu erheben gegen die Unmenschlichkeit des "Antifaschistischen Schutzwalls" und die Teilung Berlins. Deshalb wurde es auch in die Ausstellung "Det verwächst sich...? - Kiezkindheit und Großstadtjugend in literarischen Texten mit Schauplatz Berlin" aufgenommen, die in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg stattfand.
 Das Kindheitsjahr 1961 von Rita und Annette hatte mehr zu bieten als den Mauerbau: Altpapier für Gagarin zum Beispiel und eine Weltraumrakete auf Rädern. Kuddelmuddel mit Ost- und Westgeld und Besuche bei der alten Frau Inge in der Kellerwohnung. Geschwisterknatsch und weiße Mäuse. Nette und brummige Grenzer. Einen Schulausflug auf den Mont Klamott, eine Zauberflöte, einen neuen Fernseher und das Gehäuse einer Fahrradlampe, mit dem es eine ganz besondere Bewandtnis hat ...
 Carmen Blazejewski hat ein Genre für die Kinder angewandt, das mit der DDR untergegangen zu sein schien: die realistische historische Erzählung. Es sind die Kleinigkeiten, aus einer genauen Beobachtung heraus aufgeschrieben, die dem Buch Wärme und Nähe geben. Carmen Blazejewski war zum Zeitpunkt des Mauerbaus etwas jünger als Rita und Annette.
 Möglich, daß sich das anders und vielleicht etwas schwerer liest als eine der üblichen Pferdegeschichten für pubertierende Kinder. Möglich, daß es etwas Arbeit macht, sich zwischen den vielen Figuren zurechtzufinden. Aber "Hauptsache Du bist meine Freundin" ist eines jener Jugendbücher, das es verdient, verborgt, zerlesen und an die nächsten Kinder weitergegeben zu werden. Die Schriftstellerin sorgt mit einer genauen Beobachtung dafür, daß man Verständnis bekommt: für die, die hierblieben und für die, die rübermachten. So etwas fehlt heute auf dem Büchermarkt für junge Leser.
Am Ende bleibt doch eine Klage gegen die Mauer, aber eindringlicher als alles, was politische Reden und Geschichtsunterricht heute vermögen. Carmen Blazejewski setzt hinter die Klage: "Wie konnte es geschehen!" das Fragezeichen, das eigentlich an diese Stelle gehört. Es geschah nun mal. Und das Leben ging weiter. Wenn zum Schluß viele Fragen offenbleiben, dann hat das seinen Grund.

Frank Schlößer, Journalist